04 - Willkommen im Chaos

Willkommen in der Kantine, Reisender...

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  • "Bitte gehen Sie zu ihrem Sitzplatz und schnallen Sie sich an!" plärrte der Bordlautsprecher überraschend.

    Der Kurswechsel kam so abrupt, dass ich die wegrutschende Kaffeetasse erst kurz vor der Tischkante einfangen konnte. Etwas von dem heißen Gebräu schwappte über meine Hand.

    JETZT war ich richtig wach!

    Das Comm piepte und aktivierte sich dann. Das war das erste Mal, dass Lucy den Override-Code nutzte.

    "Mister Walker, Sie sollten sofort rüber kommen!"

    "Ich bin unterwegs!" rief ich in Richtung des Comms, während ich zur Tür eilte.

    Was war hier los?

    Ein Angriff konnte es nicht sein. Schließlich bewegten wir uns durch einen von der UEE Navy gesicherten Sektor. Und selbst wenn, die "Naomi Asada" hatte gute Abwehrgeschütze und zusätzlich noch ein halbes Dutzend Jäger im Heck geparkt. Und falls das nicht ausreichte, waren bestimmt auch andere Schiffe in der Nähe.


    Auf dem breiten Korridor war kein Alarm zu hören und es folgten auch keine weiteren Manöver mehr, außer dass die Triebwerke auf Volle Kraft gingen.

    Ich erreichte mein Büro. Das meiste war bereits abgebaut und verpackt worden. Lucy saß an einem provisorischen Klapptisch und erwartete mich bereits.

    "Was ist hier los?" fragte ich sofort.

    "Ein Angriff."

    "Auf die Naomi Asada?"

    "Nein. Auf ganz Stanton."

    Sie drehte einen kleinen Monitor und zeigte mir eine Aufnahme.

    Ein Fremder mit einem Helm und schwarz getöntem Visier war darauf zu sehen. Er hatte sich den Helm mit roten Mustern bemalt, die wohl martialisch wirken sollten, aber eher albern wirkten, da sie die Sicht garantiert behinderten.

    Hätte er sich "Spinner!" über den Helm gepinselt, wäre das genauso wirksam gewesen.


    Die Stimme war nicht nur durch einen Stimmverzerrer, sondern auch den schweren Akzent des Fremden kaum zu verstehen.

    Aber Details waren auch nicht nötig:

    Die Regierung ist gefährlich, alle Aliens sind böse und diese Terroristen wollten uns jetzt was besonders Gutes tun und uns befreien.

    Und weil sie so friedlich sind, töten sie erstmal alle, die ihnen nicht folgen wollen.

    Ich schnaubte und wischte die Aufnahme vom Monitor. Diesen Blödsinn musste ich mir nicht geben.

    "Sie sind recht stark und haben bereits mehrere Frachter und auch einige Jäger der Advocacy abgeschossen."

    Ich horchte auf. "Unsere Frachter?"

    Lucy schüttelte den Kopf. "Wir haben drei Frachter im System: zwei Freelancer Max und eine Caterpillar. Die beiden Max sind auf Crusader, die Cat steuert gerade Hurston an.“

    „Und unser Schifftransporter?“

    „Ihre Schiffe sind auf Port Tressler, der Transporter hat das System bereits wieder verlassen. Die UEE hat alle zivilen Frachter angewiesen, den nächsten Raumhafen anzusteuern oder das System zu verlassen."

    Mir schwante schlimmes. "Und wir?"

    Lucy seufzte. "Wir haben gewendet und fliegen zurück zum Jumpgate“

    "Ich brauche eine Verbindung...."

    "... zum Kapitän. Leitung zwei."

    Ich griff zum Comm. Statt des Kapitäns sah ich den ersten Offizier, aber das war mir egal. Ich habe nicht wochenlang meine Zeit auf diesem Kahn verschwendet, um jetzt wieder zurück zu fliegen.

    Geduldig hörte sich der Offizier meine Tiraden an, bevor er versuchte mir zu erklären, dass die "Naomi Asada" nicht stoppen dürfe, bevor sie das Jumpgate erreichte.

    "Gut," knurrte ich. "Wenn Sie am Gate sind, gehe ich von Bord."

    Unsere Sachen waren bereits auf zwei der Shuttles verladen worden. Die könnte sich die Asada ja später abholen.

    „Tut mir Leid, Sir. Wir haben Anweisung, das System zu verlassen. Aber wir werden zurück kehren, sobald es die Situation erlaubt.“

    „Das können Sie gerne machen,“ erwiederte ich. „Aber ohne uns, wir bleiben hier.“

    Er lachte. „Wollen Sie aussteigen?“

    Wollte der Kerl mich verarschen? Ich sah über das Komm hinweg. „Lucy, wo sind die Rettungsboote?“

    „Den Gang hinunter, bei den Kabinen 7 und 9.“

    Der Erste Offizier erbleichte. „Das können Sie nicht machen!“

    „Ich werde das Schiff verlassen haben, bevor wir am Jumpgate sind,“ antwortete ich.

    Das Com wackelte, als der Kapitän es seinem Offizier aus der Hand nahm.

    Missmutig sah er mich an.

    "Sie haben zwölf Minuten, um ihren Arsch zum Shuttlehangar zu schaffen!“

    Na mehr wollte ich doch nicht!

    "Danke, Kapitä ..." er unterbrach die Verbindung ohne ein weiteres Wort.

    Ich gab Lucy das Comm zurück. "Wo sind die anderen?"

    "Ich informiere sie gerade, wir treffen uns an den Shuttles. Ihre Koffer lasse ich abholen."

    „Danke.“

    Jetzt hieß es Beeilung. Ich half Lucy, ihren Computer zusammen zu packen und nahm ihre Tasche, die hinter der Tür bereit stand. Als wir das Büro verließen, sah ich Andrew, wie er mit meinem Koffer aus meiner Kabine kam. Ich nickte ihm zu und wir eilten zum Aufzug.

    Die Shuttles warteten mit bereits laufenden Triebwerken. Lucy und Andrew nahmen auf den Sitzen im Frachtraum Platz, während ich ins Cockpit ging. Der Pilot nickte mir kurz zu und wies zu einem freien Platz. „Schnallen Sie sich an, es wird ein ruppiger Flug.“

    „Alles an Bord,“ meldete der Copilot, als er das Cockpit betrat und sich auf seinen Platz setzte. Sofort startete das Shuttle.

    Der Pilot drehte das Shuttle zum sich öffnenden Hangartor und kaum leuchtete das grüne Licht auf, beschleunigte er.

    Ich wurde hart in den Sitz gepresst. Der Pilot hatte es wirklich eilig!

    „Sorry für den harten Flug,“ hörte ich in im Kopfhörer des Helms. „Wir müssen am Jumpgate sein, bevor die Asada hindurch fliegt. Sonst sitzen wir hier ebenfalls fest.“

    „Kein Problem,“ ächzte ich. Hauptsache, ich hänge nicht noch länger auf diesem Luxuskreuzer fest.

    Vor uns kam die Station in Sicht. Der Pilot hielt direkt drauf zu, um kurz vor dem Aufprall das Shuttle zu wenden und mit den Haupttriebwerken zu bremsen. Rückwärts flog er in den Hangar hinein und setzte hart auf.

    „Danke. Ich...“

    „Steigen Sie aus und helfen Sie beim entladen. In drei Minuten starte ich wieder!“

    Ich nickte und rannte aus dem Cockpit. Im Laderaum waren schon alle eifrig dabei, die Kisten und Paletten auszuladen. Ich packte sofort mit an und trug Kiste um Kiste aus dem Shuttle. Es dauerte weniger als die drei Minuten, bis wir fertig waren. Die Shuttles hoben pünktlich wieder ab und rasten davon.

    Ich atmete tief durch. Unser Zeugs war im gesamten Hangar verstreut und meine Begleiter ebenso erschöpft wie ich. Lucy kam bleich auf mich zu. Die gute Seele hatte ein paar Wasserflaschen organisiert, die sie jetzt verteilte. Dankbar nahm ich eine und trank sie gleich halb leer. „Wo sind wir hier eigentlich?“ fragte ich sie dann.

    „Baijini Point,“ antwortete Lucy. „Direkt über ArcCorp. Nach Arc-L1 rüber können wir nicht. Wir müssen hier bleiben, bis diese Terroristen weg sind.“


    Sie lächelte mich schief an. „Willkommen im Stanton-System.“

    Difficile est saturam non scribere