An Bord der ' Naomi Asada' - die Reise beginnt

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  • "Willkommen an Bord, Mister Walker."

    Ich erwiderte das Lächeln, aber lieber hätte ich gelacht.

    Mein Firmenausweis hing am Revers, wir waren tief in den Eingeweiden des terranischen Firmenhauptquartiers, wo man eh nur nach dutzenden Sicherheitsüberprüfungen hin kam und das hier war ein verdammter Firmenraumhafen - und jetzt musste ich ein Flugticket vorzeigen wie ein gewöhnlicher Pauschaltourist.


    So früh am Morgen war das Shuttle fast leer. Nur ein paar Techniker nahmen die vorderen Sitze in Anspruch. Ich nickte ihnen zu und ging nach hinten durch, wo ich mich hinsetzte und in einen Bericht über Stanton vertiefte.

    Für den kurzen Flug hoch zur Naomi Asada lohnte es sich kaum, aber ich nutzte jede freie Minute um mehr über meinen zukünftigen Arbeitsplatz zu erfahren.


    "Willkommen an Bord," wurden wir eine Stunde später im Shuttlehangar der Naomi Asada erneut begrüßt. Wollte sie jetzt wieder mein Ticket scannen?

    Zum Glück nicht. Ein versteckter Computer im Durchgang übernahm das und sofort wiesen LEDs den Weg zum nächsten Aufzug.

    "Deck zwei, Sir" las die Flugbegleiterin vom Display ab.

    "Danke."

    Der Aufzug war ursprünglich für über 100 Passagiere und ihr Gepäck konzipiert, aber jetzt stand ich alleine in dieser Halle.

    Ein Monitorlächeln forderte mich überflüssigerweise dazu auf, von den Türen zurück zu treten.


    Die Naomi Asada sollte ursprünglich mal ein Passagierkreuzer werden. Musashis Versuch, das Portfolio auszuweiten und neben Frachtern auch Kreuzfahrtschiffe zu bauen. Doch anders als bei den Frachtern ist bei den Passagierschiffen Größe nicht alles und der Entwurf war gnadenlos überdimensioniert.

    Viele können bis heute nicht verstehen, warum sich die Asadas dieses Ding gekauft hatten. Spötter behaupten, dass sich mit einem so großen Klotz eine Menge kompensieren ließe. Andere wollen wissen, dass Asada das Schiff kaufte um MISC zu zeigen, dass sie kein kleines Familienunternehmen mehr sind sondern groß genug, um eines Vertrages würdig zu sein. Asada war auf dem Weg, ein Big-Player zu werden.

    Aber die Story, die man in den Kantinen der Corporation erzählt bekommt, wenn kein Vorgesetzter in der Nähe ist, ist eine ganz andere: als Asada verkündete, mit dem Kauf dieses Luxuskreuzers in die Kreuzfahrtbranche einsteigen zu wollen, zog Magnus Galactic Cruise ihr Angebot für die Frachtroute Terra – Sol umgehend zurück, um sich ebenfalls drei solcher Schiffe bei MISC zu bestellen und Asadas Angriff auf ihr Kerngeschäft abwehren zu können.

    Der Plan ging auf: die äußerst lukrative Verbindung zwischen Sol und Terra ging fast kampflos an Asada. Und MGC hatte sich mit den riesigen Luxuslinern derart übernommen, dass sie auf Jahrzehnte keine Gefahr mehr darstellten. Magnus musste alle Pläne, ins Frachtgeschäft einzusteigen, begraben.


    Die 10 Passagierdecks des Schiffes,aus denen Asada 5 mit doppelter Höhe gemacht hatte, waren alle gleich: vorn im Bug Aufenthalts- und Meetingräume, Bars und Erholungsmöglichkeiten, dahinter dann die Suiten und im Mittelteil des Schiffes die Kabinen für die Masse.

    Im Heck, zwischen den riesigen Triebwerken waren die Hangars und Frachträume untergebracht.


    Als Flaggschiff war die Naomi Asada wirklich beeindruckend. Keine andere Firma leistete sich einen solchen Klotz, der ursprünglich mal über fünftausend Touristen durchs Verse gondeln sollte, nur um mit ein paar Dutzend Mitarbeitern zu einem Kongress zu reisen.

    Und die Asadas merkten auch sehr schnell, warum: die ansatzweise aerodynamische Formgebung war eher dem Design geschuldet und das riesige Schiff konnte auf den meisten Planeten nicht landen und war auf Shuttles angewiesen. Das war dann auch ausschlaggebend dafür, dass das Schiff für MISC ein Misserfolg wurde: nur die wenigsten Touristen wollten ihren Urlaub mit einem Shuttletransport beginnen und das Interesse der Tourismusbranche an dem Schiff ließ sehr schnell wieder nach.

    Und auch für Asada brachte das riesige Schiff keinerlei Prestige, da sich die kleinen Shuttles zwischen den Luxusyachten der Konkurrenz verloren. Niemanden interessierte der Kreuzer, der oben im Orbit schwebte. Er blieb einfach außer Sichtweite.


    Und doch hielten die Asadas an dem teuren Spielzeug fest. Manche behaupten dass das geholfen hatte, als in der Akirakrise immer mehr Großkunden absprangen – und MISC bis zuletzt durchhielt.

    Die wollten ihr, wenn auch gescheitertes, Projekt nicht im Stich lassen - denn am Ende wurden nur acht dieser riesigen Liner gebaut, von denen noch fünf im Dienst waren.


    Meine Suite war gleich ganz vorn bei der Aussichtsplattform und die Ausstattung wäre einem Kreuzfahrtschiff durchaus gerecht geworden. Doch Ethan Asada hatte schon dafür gesorgt, dass ich nicht zu sehr im Luxus schwelgen würde: ein großer Stapel Papierakten wartete auf mich und mein Büro war mit einem eigenen Server ausgestattet worden, um die oftmals vertraulichen Dokumente zu speichern. Denn in meiner neuen Position würde ich einen Einblick in die Firma bekommen, der mir bislang verwehrt geblieben war.


    Aber das würde alles bis morgen warten können. Oder bis übermorgen.

    Nach Stanton war es schließlich ein weiter Weg - und das Ziel war weit, weit von Ethan Asada entfernt.


    *


    „Meine Damen und Herren, hier spricht Kapitän Charles Nokugawa. Ich heiße Sie willkommen an Bord der Big N.“

    Big N? Ich lachte. So konnte der Kapitän wirklich nur reden, wenn garantiert kein Asada an Bord war. Denn ansonsten würde er sich umgehend in einem der Randsektoren wiederfinden, wo er maximal eine MPUV steuern dürfte.

    Routiniert zählte Nokugawa die Stationen der Reise auf.

    Stanton war als letztes dran.

    Das war natürlich klar! Statt mich schnell nach Stanton zu bringen durfte ich erstmal eine Rundreise durchs halbe Verse genießen. Ethan Asada scheint mir wirklich klar machen zu wollen, was er von mir hält.

    Nun, wenn er meint, dann ists eben so. Stanton ist weit genug weg vom Hauptquartier, da wird er mir nicht ständig über die Schultern schauen können.

    „Die Crew wünscht ihnen einen angenehmen Flug. Vielen Dank.“



    Ich ging den breiten Weg zum Büro hinüber. Lucy hatte sich ihr Vorzimmer bereits eingerichtet.

    „Guten Morgen, Miss Valentinowskaya.“

    „Guten Morgen, Sir.“ Sie schmunzelte. „Wir waren schonmal bei Lucy, Sir.“

    Ich nickte. Da war ich aber nur ein kleiner Abteilungsleiter gewesen, der die große Ehre einer Audienz beim Gottkönig hatte.

    Jetzt hingegen stand zwischen mir und Ethan Asada nur noch ein Sektorleiter. Mehr nicht.

    „Das stimmt natürlich, Ludmira. Lucy.“

    Sie nickte. „Kaffee und die ersten Akten sind bereits auf Ihrem Tisch. Mister Asada hat ein Memo geschickt. Er wünscht eine gute Reise.“

    „Danke, Lucy.“

    Ich ging in mein Büro. Ein Memo. So so. Ich wette, Lucy hat hunderte davon auf ihrem Computer. Name anklicken, ich wünsche … anlassbezogene Glückwünsche hier eintragen. Weihnachten, Urlaub, Geburtstag, Strafversetzung. Stempel geht automatisch, danke, absenden.

    Irgendwo in der Ferne liefen die Triebwerke hoch. Das vibrieren war kaum zu spüren und ich merkte es eher daran, dass sich die dampfende Oberfläche des Kaffees kräuselte. Das Licht durch das große Fenster veränderte sich, als das Schiff aus dem Raumhafen fuhr. Draußen hallten ein paar Durchsagen, aber der Lautsprecher in meinem Büro war bereits deaktiviert – wenn es etwas wichtiges gab, dann würde mir Lucy Bescheid geben.

    So konnte ich mich in die Akten vertiefen und mir ansehen, wohin mich Asada hier geschickt hat.


    Der Gong, der vor dem ersten Quantumsprung warnte, drang bis ins Büro durch. Ich hielt kurz mit der Arbeit inne und die Kaffeetasse fest. Erstaunlich sanft für ein Schiff dieser Größe baute sich das Quantumfeld auf. Dann beschleunigte die Naomi Asada und sprang.

    Auf in neue Gefilde.

    Difficile est saturam non scribere

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